Aus Liebe am Schreiben

Ein Mord kommt selten allein

Grelle Scheinwerfer eines Kleinwagens warfen lange Schatten und beleuchteten den dunklen Weg zum Haus des Apothekers im Freilichtmuseum Molfsee. Die Reifen knirschten, als sie über den Sand rollten. Eine Frau mittleren Alters, mit langen roten Haaren, stieg aus dem gelben Polo, den sie zwischen den alten Bäumen an der Rückseite des Hauses parkte. Fröstelnd zog sie ihre Schultern hoch, die von einem Pelz umhüllt waren, als sie die Tür des Polos leise schloss. Nur nicht mehr Lärm als erforderlich machen. Wieder einmal suchte sie den Schlüssel, der stets einen besonderen Platz in ihrer Handtasche hatte. Dieses Mal jedoch vergebens, vermutlich hatte sie ihn zuhause vergessen. Zum Glück gab es einen Ersatzschlüssel. Die Frau stellte sich auf die Zehenspitzen, um mit ihren Fingern an eine Ritze über der Tür zu gelangen. Für gewöhnlich befand er sich dort, doch nicht heute. Sollte Jochen ausgerechnet heute auch seinen Schlüssel vergessen und ihn benutzt haben? Sie lächelte, drückte die Türklinke herunter und lehnte sich mit ihrem Körper gegen die Tür, um sie aufzuschieben. Seit ihrer letzten Begegnung freute sie sich schon auf diesen Morgen, der ihr wieder einmal die Erfüllung der Liebe bringen würde. Bei ihrem Mann fand sie die schon lange nicht mehr. Es war unnötig, das Licht anzuschalten, denn sie kannte jeden Winkel des Hauses. Im Schlafraum entledigte sie sich ihrer Kleidungsstücke, außer einem kleinen Nichts aus roter Seide und schlüpfte unter die Decke des Alkovens. Erwartungsvoll und still lag sie dort, bis sie leise Schritte hörte, die langsam auf sie zukamen. Sie lachte.
„Jochen Liebling, warum so geheimnisvoll? Komm her zu mir du starker Mann."
„Bin doch schon da“, antwortete eine leise heisere Stimme, die irgendwie weiblich klang. Die Frau hatte nicht die geringste Chance. Sie wehrte sich aus Leibeskräften, als das Halstuch um ihren schmalen Hals geschlungen und immer fester zugezogen wurde. Bei dem Kampf riss sie ihrer Widersacherin ein Büschel Haare aus und trat um sich. Geholfen hatte es ihr nicht, denn ihre Kräfte ließen langsam nach. Reglos, als ob sie schlief, lag sie wenig später unter der Decke.

Jochen Hinrichsen war früh dran an diesem Morgen. Die Häuser und Höfe im Museumsdorf in Molfsee wurden zu dieser Zeit des Jahres nur noch am Wochenende für Besucher geöffnet. In alter Gewohnheit drehte er jedoch jeden Morgen seine Runde, um nach dem Rechten zu sehen. Heute hatte sein Rundgang einen anderen Grund. Jeden zweiten Mittwoch im Monat traf er sich mit Gisela, seiner Freundin, in der alten Apotheke. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen hatte der Verwalter das Dienstzimmer verlassen. Sein Kollege kam an diesem Morgen wieder einmal zu spät, bestimmt wieder mit der Begründung, er hätte den Bus verpasst. Es war ein grauer Novembertag, mit den für Norddeutschland so typischen Sturmböen. Dazu gesellt hatte sich auch noch leichter Schneefall, doch Jochen freute sich auf das Treffen mit seiner Gisela. Viel zu selten sahen sie sich, denn sie war verheiratet, und es war nicht leicht, ihrem Mann immer wieder neue Ausreden aufzutischen, zudem er auch noch Jochens Kollege war. Jochen war ein Mann mittleren Alters mit beginnender Stirnglatze und eingefleischter Junggeselle, das heißt nicht ganz. Seit zwei Jahren hatte er, wie man so sagt, eine Affäre. Wenn er Gisela früher kennengelernt hätte? Wer weiß, vielleicht wäre mehr daraus geworden. Doch nun war sie mit Harry verheiratet und würde ihren Mann niemals verlassen, so hatte sie ihm mehr als einmal versichert. So gab sich Jochen mit dem zufrieden, was er hatte. Die Betten im Alkoven der Schlafstube waren zwar schmal und kurz, aber das nahmen sie in Kauf. Hier störte sie um diese Tageszeit niemand und erst recht nicht um diese Jahreszeit. Seit vielen Jahren war Jochen Verwalter im Freilichtmuseum, und er machte seinen Job gern und gut. Vor ein paar Wochen gab er Gisela einen Schlüssel für das Haus. Feierlich hatte er ihn bei einem Abendessen aus der Tasche gezogen und ihn ihr überreicht. Das Tor wurde erst spät abends abgeschlossen.
„Mein Mann darf nie von uns erfahren, Jochen“, hatte Gisela ihm mehr als einmal gesagt, und Jochen musste aufpassen, dass er sich nicht in seiner Euphorie verplapperte.

Nach einer Viertelstunde hatte er an diesem Morgen die Apotheke erreicht. Er liebte dieses Haus, auch wenn es hier auf fremdem Boden und nicht auf Pellworm, dem Geburtsort von Johannes Hinrichsen stand, so war es doch das Haus seines Vorfahren, dessen Nachnamen er trug. Endlich wieder Mittwoch. Wo hatte Gisela ihr Auto geparkt? Jochen ging ums Haus herum und entdeckte den gelben Polo unter den Bäumen. Er drückte die Türklinke herunter und wunderte sich, dass die Tür nicht verschlossen war. Was trug sie wohl heute unter der Bettdecke, wieder so einen kleinen Seidenfummel, ein kleines Nichts? Er wurde ganz verrückt, wenn er nur daran dachte. Er verweilte kurz in dem kleinen Flur und bemerkte auf einmal den Geruch, den er hier nie zuvor so kräftig vernommen hatte. Es roch nach Lavendel, Giselas Lieblingsduft. Instinktiv drehte er sich zur Seite. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er einen Schatten gesehen zu haben ...


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